Brent Hallard
Out of the Black Box



Damals, am Ende des Jahrtausends, war die Malerei nichts als eine alte Klapperkiste, der der Sprit ausging. Eine ihrer Achsen war gebrochen und nur ein paar Aasfresser folgten ihr noch. Dies waren die kargen Jahre. Wüstenstürme! Drücken dir die Luft ab. Nichts, nichts als die immergleiche Phrase: Painting is dead, never mind, it lives on.

Okay, es war nicht genau Mitternacht, als es passierte, das weiß ich noch. So langsam begann die erlahmende Malerei jämmerliche Schreie auszustoßen: Ich will nicht sterben! Gleichzeitig mit dem iPod kam der Frühling und ein fröhlicheres Zwitschern: Fahr mich wieder hoch! Ich lebe! In der Tat: die Malerei war, wo sie war. Sie war zurück. It was back. Noch immer, irgendwie.

Irgendwie steckt die Malerei – steckt noch immer – in einer Blue Box. Deren blauer Hintergrund ändert sich, je nach Publikums Stimmung. Malerei fürs neue Jahrhundert war eine Malerei mit Talent. Man konnte zeichnen. Man konnte Weglassen. Man konnte Schlechtmalen ohne schlecht zu malen. Egal wie trashig, man wusste um ein Gewisses Etwas. Angegurtet am Erkennbaren. Crossover. Mindestens vier Teelöffel Geschichte. Und, logo, pfundweise süßlicher Scheiß-Pop.
Ich liebe Erfolgs-Stories! Ich liebe dieses Jahrhundert! Ich liebe diese Welt in der's die Malerei gibt.

Aber: nochmal zurück in diese Wüstenszene!

Musik!

Weg mit dem Blau.

Hier sind wir wieder, am Ende des Millenniums, in der Wüste, wieder am Ort der Schmerzen, dort, wo die Malerei ihren Überlebenskampf gekämpft hat. Sie haben es letztes mal vielleicht nicht bemerkt: im Sand, fast verschüttet, da steckte eine schwarze Kiste. In ihr war Malerei, eine andere Malerei. Und wenn wir jetzt vorspulen, einen kurzen Sprung machen ins Jetzt, ins neue Jahrhundert, dann sieht's aus, als wäre diese Kiste samt Inhalt nicht gerade wohlbehalten angekommen. Diese Kiste war die Abstraktion. Ihr Inhalt: der radikalste Bewusstseinssprung, der in der Kunst seit Jahrtausenden stattgefunden hatte. Aber diese Kiste war es auch, die uns in die Wüste geschickt hatte, die uns die Malerei für tot erklären ließ.

Wie konnte es passieren, dass die Abstraktion niemals ankam?

Ganz offensichtlich: die Abstraktion war der Grund. Sie ließ uns in die Wüste irren. Schätze, sie wurde damals nicht gebraucht. Schätze, sie war zu tough. Hip Teens – die Jungen machen keine Abstraktion. Und die Jungen waren das Herz der ‚Young Art', der neuen Malerei. Geschichte lässt sich umschreiben – nichts ist unmöglich – und in der neuen Version, neues Jahrhundert, steht, dass die schwarze Kiste es doch noch geschafft hat. The black bag made it over, after all.

Interview: aus der Black Box

Richard, du malst abstrakt?
Jawoll!
Machts Spaß?
Logisch!
Danke, Richard!
No Prob.

Alles ist stimmig. In den Blöcken und Partikeln, in der Ordnung von Farbe und Fläche, da ist was, da gibt es Rhythmus, Hierarchien und Positionen: Stoff für etwas Besonderes.

Es geht um Rastersysteme. Genauer gesagt: um den Ausbruch aus dem Raster.
Richard Schur könnte Farbarchitekt sein.

Eine Riesenleinwand könnte als Wand missverstanden werden, aber sie ist es nicht. Sie ist ein Feld. Ein Feld im klassischen Sinne der Abstraktion – auf dem alles aus der Reihe tanzt. Was zusammen genommen Einheit ergibt, ein schiebendes, stoßendes gigantisches Gewirk. Ein lebendes Kraftfeld – das sich unter Schmerzen windet.

Dies sind klassische Gemälde. Sie haben ein Oben und ein Unten und sie haben Seiten. Normalerweise Keilrahmen und Leinwand. Die neueren Kleinen sind etwas wilder und auf Masonit-Boards gemalt. Trotz unterschiedlicher Größe und Materialstruktur bezieht unser Betrachterblick immer die Wand mit ein und unter jedem Bild gibt es auch einen Fußboden. Jedes noch so kleine Element, jeder Farbton sitzt und reißt uns mit. Dabei ahnen wir eine übergeordnete Struktur: eine Art geschmeidiges Netzwerk, ständig in Bewegung.
Das Umdrehen oder auf den Kopf stellen dieser Gebilde würde sicherlich ein paar Einblicke in ihren Entstehungsprozess zulassen, die Intention und die Bildwirkung gingen dadurch aber verloren. Denn Schurs Bilder lassen dem Spiel der Schwerkraft freien Lauf – mit all seiner Dramatik und all seinen Unterwerfungsrituälchen.

Der Clou dieser Nummer ist Balance: in Proportionen, in Farbe und Form, im Spiel mit emotionalem Ungleichgewicht; die Fehler als Schönheitsflecken, das Akkurate der Hard-Edge-Entscheidungen, das Let-it-go der Emotionsrelikte – all das vergegenwärtigt uns Richard Schurs Werkprozess.

Es gibt und es gibt keine Schwerkraft in der Realität eines Bildes.

Wir sehen von oben nach unten, hin und her, links nach rechts und rechts nach links. Wir nutzen diese Direktiven um Koordinaten zu bestimmen, um die Diagonalen und Kurven zu ziehen, die letztlich Entfernungen und Dinge definieren – aber es geschieht auch etwas anderes. In einfachen Worten ließe sich sagen: es entsteht eine Spannung, es entsteht eine Verbindung zwischen dem Außen und dem Innen, zwischen Erleben und Empfinden. Das Werk bringt Sichtbares in Einklang mit Vorstellung und Wissen. Richard Schurs Gemälde geben dem Auge grenzenlosen Spielraum und dem Bewusstsein grenzenlose Freiheit. Das Chaos der Bilder drängt auf Sinn. Sie funktionieren in genau diesem Konflikt.

Die dominanteren Bereiche in den neueren Bildern sind meist rechteckig. Die sekundären Bereiche bestehen aus Fragmenten und Kleinteilen, von denen einige an stoischeren Gebilden kleben. Dadurch entstehen unterschiedliche Sounds, die jedoch das gleiche kompositorische Gewicht haben, egal wie sie harmonieren oder wo sie spielen. Bruchstücke lassen sich gelegentlich als Gerüste lesen, andere Male als eine Art Strom individueller Partikel. Gerade dieser Splitterbereich, der sich klar als Teilbereich definiert, ist es oft, der uns mitreißt. Gelegentlich fungieren diese Kleinteile auch als Aufhänger oder sitzen knapp hinter einem offeneren oder gewichtigeren Raum und suggerieren etwas wie Schattenzonen.
Als Felder, als Farbe, als Form, als Gewicht folgen sie dem Gesetz der Gravitation – das sie ständig spielerisch unterlaufen. Farben werden Raumkapseln des Lichts, jede auf eigenem Kurs: lesbar links nach rechts oben nach unten diagonal and back. Funkeln. Zischen. Sprühen. Küste. Ozean.
Orion ist nicht mehr weit.